Warum Packen so schrecklich wenig Spaß macht: Die Koffer sind zu klein, das Gepäck zu schwer und am Ende stellt man fest, dass man das falsche mitgenommen hat.

Zum Glück geht der Flug erst morgen – das lässt mir noch viele Stunden Zeit, lethargisch nervös darüber zu sein, dass noch nichts vorbereitet ist (und ich aus physikalischer Sicht keine Lösung für das Volumen-/Gewichtsproblem sehe. Aber vielleicht ist mir einfach die passende Formel noch nicht eingefallen). In jedem Fall ein Thema für später, wer will sich schon zu früh am Tag in konstruktivem Handeln verlieren.

Ein Adventure sollte auch wie ein Adventure losgehen. Da über Nacht die Schmerzen schlimmer wurden, die mich seit einer Woche an die Existenz meines rechten Sprunggelenks erinnern, verbrachte ich den Morgen statt kaffeetrinkend in meiner Küche in der Bereitschaftspraxis am Hauptbahnhof.

Der wohlwollende Arzt stellte zwar fest, dass es um meine Füße nicht zum Besten bestellt ist, gab mir aber dennoch das ärztliche (und nicht ganz neidlose) Go für die Highlands.

Nächste Challenge: \240Flughafenchaos.

1
Edinburgh Airport

Dieses sagenumwobene „Flughafenchaos“ geht also so: 300 Leute stehen am easyJet-Gepäckschalter, Personal scheint ausreichend vorhanden, er öffnet pünktlich und alle sind beruhigt. Doch dann: Nichts. Minuten vergehen, ohne dass auch nur ein einziger Koffer eingecheckt wird. Die Schlange bewegt sich nicht vom Fleck. Und da sich alle 300 Wartenden bereits vor dem Eintritt „dieses Flughafenchaos“ gefürchtet haben, ahnen sie sofort schlimmstes – wer hat sie nicht gehört, die Geschichten von verpassten Flügen und geplatzten Träumen? Vordermänner, Hinterfrauen werden panisch \240angesprochen, ob denn jemand weitere Informationen habe? Dann plötzlich das Gerücht, als Flüsterpost weitergegeben (und damit natürlichen Schwankungen in seinem Wahrheitscharakter unterworfen), der Drucker von easyJet sei kaputt, die Gepäckaufgabe müsse in eine andere Halle verlegt werden. Ohne dies näher zu verifizieren, rennt ein erster los in Richtung jenes unbekannten Ortes. Ein zweiter folgt. Bis schließlich eine konfuse Menge aus 300 Leuten quer durch den Flughafen rennt, stolpert, niemand scheint das genaue Ziel zu kennen, immer weiter, immer schneller. Wie durch ein Wunder gelangen wir am Ende tatsächlich zu jenem ersehnten Schalter mit funktionierendem Drucker. Die Mitarbeiter haben alle Mühe, die aufgescheuchte Menge geröteter Köpfe wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Nach diesem Zwischenfall kann der Flieger erst mit einer Stunde Verspätung abheben. An mangelnder Eigenmotivation der Menge kann es jedoch nicht gelegen haben.

In Edinburgh gelandet machte ich mich dann erst mal mit meinem vierrädrigen Begleiter bekannt. Darf ich vorstellen, Douglas:

Die vierstündige Fahrt in den Norden verlief sehr entspannt, beim Linksverkehr kam mir wieder mal meine ausgeprägte Rechts-Links-Schwäche zugute – kaum einen Unterschied bemerkt. Jetzt bin ich in meinem „Wee Hoose“ angekommen. Totmüde. Mehr Fotos morgen.

2
The Wee Hoose

Der Morgen beginnt mit einer ausgiebigen Inspektion meines temporären Zuhauses. Bei allzu vielen Nachbarn musste ich mich dabei nicht vorstellen – meine beiden Gastgeber hatte ich bereits gestern Abend kennengelernt, die Kühe waren noch zu müde und die nächsten Menschen leben einige Kilometer entfernt.

Das ist mein Wee Hoose (schottisch für „Kleines Haus“) –

Sogar mit kleinem Garten für sonnige Tage (womit man allerdings nicht rechnen sollte) –

Es hält unerwarteten Luxus bereit: Alle Zimmer sind auf wohlige 23 Grad beheizt. Vielleicht liegt es an den auffällig vielen Windrädern, die man hier in Schottland überall sehen kann, dass solch ein Anachronismus noch möglich ist.

Das ist meine Aussicht –

Hallo, ich möchte mich vorstellen, ich bin die neue Nachbarin ––– hallo!?

3
The Glenlivet

Erste kleine Wanderung – nichts großes für den Anfang, um die Loyalität meines Knöchels anzutesten.

Und ja, läuft. Ich werde mich die Tage also weiter in die Highlands wagen können.

Schafe, überall Schafe, ein konstantes Mähen und Blöken –

Da mein Plan ist, offline zu wandern (obwohl es in Schottland anders als Zuhause nicht am Handyemfang scheitern würde), hab ich mich heute Morgen schon mal mit meinen Karten befasst. Ich kann jedoch nicht behaupten, bahnbrechende geographische Erkenntnisse gewonnen zu haben. GoogleMaps hat irgendwie doch eine bessere User Experience.

4
The Wee Hoose

Als ich vom Wandern nach Hause kam, stand plötzlich eine Nachbarin vor der Tür, um sich ihrerseits vorzustellen (ich scheine sie heute Morgen wohl verpasst zu haben) –

– verbunden mit einer nachdrücklichen Aufforderung zum Spiel –

– der ich natürlich gerne nachkam. Ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft ist schließlich nicht zu unterschätzen.

5
Tom Buidhe

Heute Morgen ging es mit dem Auto 60 km in den Cairngorms Nationalpark, den größten Nationalpark der UK. Auf der 1,5 stündigen Fahrt (die Straße hier sind weniger effizient gebaut als die A96) begegneten mir gerade mal zwei Autos.

Dann die eigentliche Überraschung: Sonne, blauer Himmel, keine einzige Wolke weit und breit. In den Highlands!

Das Problem mit dieser Sonne ist ja (mal ganz davon abgesehen, dass sie mir einen tiefroten Sonnenbrand beschert aus, ich sehe als, als wäre ich 5 Tage auf Malle am Strand gelegen), dass sie die Landschaft unweigerlich mit einem Hauch von Kitsch überzieht– sorry also dafür.

Auf meiner Tour lagen 4 Munros – so werden in Schottland Berge bezeichnet, die über 3,000 ft hoch sind (um die Zahl imposanter erscheinen zu lassen, verzichte ich an dieser Stelle auf die metrische Angabe). Es gibt etwas über 280 Munros, und die Besteigung derer (am besten aller) ist ein ziemliches Ding für die Schotten. Zugegebenermaßen kann die Höhe bei Alpenkennern nur ein müdes Lächeln hervorrufen, doch was nicht zu unterschätzen ist: Statt Kaiserschmarren, befestigter Wege – diese im Zweifel geteert und versehen mit Treppengeländern an den kritischen Stellen – oder gar Bergbahnen für die besonders Abenteuerlustigen, gibt es hier: Weitestgehend gar keine Wege, sumpfige Wetlands und die ständige Frage, ob man tatsächlich schon wieder die Orientierung verloren hat (– ja, hat man).

Was als zusätzliche Herausforderung hinzukommt: Das Wetter in den Highlands ist unberechenbar, innerhalb von Minuten kann sich alles ändern. Während ich mich am Gipfel meines zweiten Munros (über 3,000 ft und so, darum entspechend stolz) noch so sehr in Sicherheit wähnte, dass ich mich zu zeitfressenden Selfies hinreißen ließ (muss wohl an der Sonne gelegen haben), setzte plötzlich ein starker Wind ein, der definitiv nichts guten verhieß.

Wolken zogen auf (sie zogen tatsälich „auf", als hätten sie sich irgendwo weiter unten zusammengetan, um dann zeitgleich von allen Seiten zum Angriff überzugehen). Mir wurde die Situation ein wenig zu unkitschig und trat schleunigst den Rückzug an. Und zwar so eilig, dass nicht einmal Zeit für Fotos blieb. Der wirklich spannende Teil dieser Wanderung bleibt also der Fantasie überlassen.

Später, weiter unten und zwei Stunden später, klarte das Wetter wieder auf, sodass dann sogar wieder Zeit für (Schaf)fotos blieb. Durchgefroren war ich trotzdem. Welch großartige Kühlung für meinen Sonnenbrand.

6
Meikle Balloch Summit

Heute war Erholung vom Sonnenbrand und der gestrigen Anstrengung angesagt – ich verbrachte den Tag arbeitend in meinem Wee Hoose. Manchmal lob' ich mir doch meinen Bürojob, für den Bau wäre ich heute nicht zu gebrauchen gewesen (naja gut, und an allen anderen Tagen vermutlich auch nicht).

Für gute Unterhaltung vor meinem Fenster war dabei gesorgt – die Blaumeise und das Rotkehlchen zankten sich lautstark um das Vogelfutter, bis es dem Specht schließlich zu bunt wurde und dem Streit durch seine natürliche Autorität ein plötzliches Ende bereitete. Er scheint das Mahl genossen zu haben. Und erst recht diese Ruhe.

Nach der Arbeit zog es mich dann doch noch für eine kleine Runde nach draußen.

Diesmal jedoch nur auf den beschaulichen Meikle Balloch Summit – es muss ja nicht jeden Tag ein Munroe sein.

Hier unten scheint mir das Wetter auch viel stabiler zu sein.

Bevor es am Wochenende wieder in die Highlands geht, werde ich noch weitere Vorbereitungen treffen müssen – denn wie ich gestern deutlich zu spüren bekam, wären Handschuhe und Sonnencreme durchaus ratsam gewesen.

7
The Wee Hoose

Die heutige Mittagspause bei den Kühen verbracht. So abgeschieden kann man doch noch so einiges über die Welt lernen: Letztes Jahr in Irland war ich von der Aggressivität der Rinder gegen mich und ihre Kollegen stark irritiert (in deren Folge ich ein nachhallendes Rinder-Trauma entwickelte, von dem ich mich nur langsam erhole) –  wo ich doch Rinder eigentlich nicht als destruktive, unsoziale und unangenehme Wesen kenne. Hier in Schottland ist die Fauna wieder in Ordnung. Hier herrscht sanfte Harmonie auf der Weide, es wird füreinander gesorgt und aufeinander aufgepasst (ausgedrückt durch liebevoll-energisches Abschlecken des Nächststehenden). Auch mich sehen sie nicht als Feind an, viel mehr werde ich als Fremdling neugierig-freundlich und aus vorsichtiger Distanz beäugt. 

Und jetzt die Erkenntnis, so einfach, und doch immer wieder verkannt: Zu viele Stiere auf einem Haufen neigen schlicht nicht zu produktivem Handeln.

Während hier auf der Weide vor meinem Cottage die Geschlechter natürlich durchmischt sind – Kühe, Stiere und Kälbchen bilden eine friedliche Gemeinschaft – wurden in Irland ausschließlich Stiere zusammengepfercht. Und dass ein Testosteronanteil von 100% nicht zwingend gut funktioniert, sollte eigentlich niemanden verwundern. Die eigentliche Frage ist nur, wieso die Welt immer wieder genau drauf baut. 

8
Bei den gelben Wollwesen

Auf meinem Abendspaziergang wieder etwas neues gelernt – ich habe endlich verstanden, wo gelbe Wolle eigentlich herkommt. Nämlich: Von gelben Wollwesen! Absurde Erscheinungen, wie man sie so wahrscheinlich nur in Schottland finden kann (ich tippe allerdings auf eine hohe genetische Übereinstimmung mit dem Wolpertinger).

Weitere Farben konnte ich noch nicht entdecken. Doch ich werde meine Augen offenhalten – denn irgendwo muss die blaue, rote und lila Wolle schließlich auch herkommen.

Im Übrigens habe ich nun endlich auch meine Karten unter Kontrolle gebracht. Jetzt macht nicht nur die gelbe Wolle Sinn, sondern auch die Geografie des Cairngorms Nationalparks. Morgen Früh geht’s wieder los!

9
On the road

Ich habe ja versucht, mich vorab bestens auf das Adventure vorzubereiten. Beispielsweise, indem ich meinen kleinen Neffen (nicht sehr schwer) auf einen österreichischen Berg (nicht sehr hoch) getragen habe.

Jetzt stelle ich fest: Mein Rucksack ist (gefühlt) etwa doppelt so schwer wie ich, sodass es eigentlich wesentlich mehr Sinn machen würde, dieser würde mich tragen.

10
Some mountain top

Was das Gewicht meines Rucksacks annehmbar, ja sogar tröstlich macht (neben der unglaublichen Aussicht in die ewige, menschenleere Weite der Highlands): Das Wissen darum, dass mindestens die Hälfte des Gewichts von Cadbury-Karamel-Schokoriegeln verursacht wird.

Wer es nicht kennt: Cadbury ist seit jeher die erdenklich beste Schokoladenmarke und einer der Hauptgründe (neben sehr vielen weiteren!), weshalb es so unendlich traurig ist, dass UK kein Teil der EU mehr ist.

Bei meiner aktuellen Ernährung würde man wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit Skorbut entwickeln (die Äpfel mussten aus Platz- und Gewichtsgründen zuhause bleiben, ebenso die Bananen).

Sicherheitshalber habe ich meinen Arzt oder Apotheker gar nicht erst um ihre Meinung gefragt.

11
Meall a’ Bhuchaille

Der letzte Gipfel für heute – unten im Tal werde ich mir eine Wasserstelle und einen geeigneten Platz für die Nacht suchen.

Vorhin haben die Highlands noch mal alles ausgepackt, um mich von ihrer Schönheit zu überzeugen – nicht mal am Regenbogen haben sie gespart (da waren wir wieder haarscharf dran, an der Grenze zum Kitsch). Man bestaune also den Regenbogen hinten links:

Wäre doch gar nicht nötig gewesen, ich hatte eure Schönheit doch schon längst erkannt.

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In the middle of nowhere

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde jeder Tag ausschließlich aus dem Abend bestehen. Ich liebe diese magische Stimmung jener Tageszeit, in der Natur spürt man sie noch einmal besonders deutlich.

Da kann vielleicht nur der ganz frühe Morgen (und das auch nur ansatzweise) mithalten, aber um diesem zu begegnen, müsste man ja unangenehm früh aufstehen…

Nachdem ich heute knapp 30 Kilometer und 5 Gipfel zurückgelegt habe (geplant waren 16 Kilometer, aber die Cadbury-Riegel haben mich angeschoben), werde ich jenen ganz frühen Morgen definitiv an mir vorüberziehen lassen. Außerdem wartet ein Schlafsack auf mich, der sich wie Daune anfühlt und bis 0 Grad Wohlfühltemperatur verspricht.

Für die Nacht habe ich einen schönen Platz mitten im Nirgendwo gefunden. Bevor ich ihn erreichte, hatte ich mich schon über den See direkt nebenan gefreut, der auf der Karte so protzig-türkisblau eingezeichnet war – bei näherer Betrachtung stellte er sich jedoch als morastiger, brauner Tümpel heraus. Eine Frechheit und für ein abendliches Bad nicht zu gebrauchen. Körperpflege wird somit vertagt.

Bei einem Adventure darf es an Kulinarik natürlich nicht fehlen – nur leider habe ich das Salz vergessen. Die italienische Pasta fiel damit etwas mau aus. Aber zumindest konnte das Nudelwasser direkt für die Wärmflasche verwendet werden und wärmt mir jetzt die Füsse. Zelten in Zeiten von Gasknappheit.

Als ich die Pasta dann erschöpft und hungrig auf einem Stein vor dem Zelt essen wollte, fiel plötzlich unvermittelt ein Schwarm Midges über mich her. Midges – das sind jene Kreaturen, die in den schottischen Breitengraden beheimatet sind, für die Hölle freelancen und Wanderer in den Nerventod treiben wollen.

Ich flüchtete mich also ins Zelt, wo ich jetzt in Ruhe meine Pasta genießen kann (sofern das Verb an dieser Stelle das richtige ist, weil immer noch so schrecklich salzlos. Da hilft nicht mal das Pesto von Tesco, das angeblich so schmecken soll wie von irgendeiner Oma). Gute Nacht!

13
In the middle of nowhere

Von der versprochenen “Wohlfühltemperatur bis 0 Grad” meines Schlafsackherstellers konnte nicht zwingend die Rede sein – doch nachdem ich das Nudelwasser meiner Wärmflasche dann erneut aufgekocht hatte, war mir zumindest warm genug, um einschlafen zu können.

Die Nacht verlief ruhig (sofern ich das beurteilen kann, ich habe ja geschlafen. Ich träumte von einem Outdoorladen, in dem ich eine wasserdichte Jacke kaufen wollte, um mir dann schlussendlich einen Bikini zu kaufen).

Heute Morgen wurde ich von dem monotonen Prasseln misslichen Regens geweckt. Das Zelt hatte tapfer die Nacht durchgehalten, doch erste Tropfen im Inneren kündigten bereits das Ende der Gemütlichkeit an. Und während es um mich herum regnete, hatte ich kein Trinkwasser mehr. Ich zog also los, um eine dieser Highland-Quellen zu finden, die immer so idyllisch auf den PET-Flaschen der Supermärkte abgebildet sind. Doch: Die gibt es so gar nicht. Einzig einen grünen Rinnsal konnte ich finden (und das auch nur nach langwieriger Suche), das Wasser erinnert stark an Gurkenwasser. Na, die Chlortabletten werden es schon richten. Und vielleicht ist ja zumindest ein bisschen Vitamin C drin.

Auf Grund des Wetters ((möchte ich mein Zelt nie mehr verlassen, aber das führt ja zu nichts)) beschließe ich, die restliche Tour an einem Tag zurückzulegen. Nachdem ich gestern schon knapp 30 Kilometer geschafft habe, sollten die verbliebenen 28 Kilometer mit ausreichend Cadbury auch kein allzu großes Problem darstellen. Doch zunächst müsste ich das Zelt verlassen (und, was noch viel schlimmer ist: Im Regen abbauen), ich bleibe also erst mal noch einfach hier drin sitzen.

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On the road again

Ich konnte mich also doch aufraffen und bin wieder unterwegs. Und natürlich findet sich nun \240hinter jeder Wegbiegung frisches, klares Wasser im unendlichen Mengen. Jetzt, wo ich es nicht mehr benötige – der Desinfektionsprozess meines Gurkenwassers ist längst in Gange. Nach 30 Minuten tötet das Chlor alle Bakterien ab, nach zwei Stunden alles weitere (was auch immer das sein mag) – zumindest, wenn man den Herstellerangaben trauen kann. Es wäre nicht die erste Marketinglüge, der ich auf diesem Trip aufsitze.

Beim Laufen merke ich, dass ich von der gestrigen Strecke doch etwas müde bin. Die Höhenmeter lassen glücklicherweise noch auf sich warten, so setze ich stoisch einen Fuss vor den anderen (die im Übrigen nass sind, meine Schuhe konnten den Wetlands vorhin nicht standhalten) und träume von einer heißen Dusche.

15
On the way

Meine müden Beine hatten heute auf einen einfachen Weg mit möglichst wenig Höhenmetern gehofft. Und dann stand ich vor dieser Geröllschlucht, von der mein Kompass der festen Überzeugung war, dass ebendiese hochgeklettert werden müsste.

Er ließ nicht mit sich diskutieren – ohne Gewicht auf dem Rücken hätte das Klettern wahrscheinlich ziemlich Spaß gemacht. Ohne Gewicht. So langsam bin ich der Meinung, mir eine heiße Dusche und ein Daunenbett wahrlich verdient zu haben (und beides auch dringend nötig zu haben).

Doch bis dahin werde ich mich wohl noch ein wenig gedulden müssen – es liegen noch schätzungsweise 15 Kilometer vor mir.

Mindestens. Aber zumindest kam zwischenzeitlich die Sonne raus, um mir meine Schuhe zu trocknen.

16
On the road, stil

Auf den letzten zehn Kilometern traf ich einen sympathischen jungen Schweizer, der ebenfalls alleine unterwegs war. Er hatte gerade Abi gemacht und lief nun vier Wochen mit seinem Zelt durch die Wildnis, um herauszufinden, ob er Aerodynamik oder doch eher Psychologie studieren sollte.

Er kommt aus einem kleinen schweizer Bergdorf, das auf 900 Meter liegt (zur Erinnerung: Das sind knapp 3’000 ft, nach schottischen Maßstäben hätte sich jenes Dorf damit bereits als Munroe qualifiziert). Als ich ihn fragte, ob das Dorf so klein sei, dass jeder jeden kenne, antworte er – nicht ganz. Es sei schon ein bisschen größer, sodass jeder nur die schlechten Seiten von jedem kenne.

Da lob’ ich mir Maxvorstadt, in der man seine Nachbarn entweder noch nie gesehen hat (die allermeisten), oder die wenigen, die man doch schon mal zu Gesicht bekommen hat, direkt zu ‘nem Gläschen Wein zu sich nach Hause einlädt, weil man so erstaunt darüber ist, mal einen Nachbarn beim Namen zu kennen.

Jetzt bin ich zurück in meinem Wee Hoose – frisch geduscht fühle ich mich schon fast wieder wie ein Mensch.

17
The Wee Hoose

Die erste Nacht in einem richtigen Bett nach einem Adventure fühlt sich immer nach absurdem Luxus an – dieses Gefühl entlohnt jede vorangegangene Entbehrung (man stelle sich vor, wie viel Geld man unter normalen Umständen zahlen müsste, um diesen fast schon magischen Luxus etwa bei einer Hotelübernachtung erleben zu können. Fünf Sterne wären nicht genug, fühlt man doch immer nur das Delta zum vorherigen Zustand).

Gestern Abend bin ich ins (warme, weiche) Bett gefallen, ohne Wecker oder Plan für morgen. Die schönste Form der Freiheit! Dieser Moment, in der Früh um sieben von der Sonne geweckt zu werden, schon beim Aufwachen aufgeregt über die Erkenntnis, wie viele Möglichkeiten so ein Tag bietet! Ans Meer könnte ich fahren, um mich mit dem Ozean bekannt zu machen, den Tag mit Buch im Café verbringen, mich erneut in die Highlands stürzen – oder einfach hier auf meinem Fensterbrett sitzen bleiben, um den Vögeln beim Streit ums Futter (es geht langsam zu neige!) zuzuschauen. Ich stelle fest: In meinem Alltag habe ich viel zu oft einen Plan für morgen (und übermorgen! Und schon längst für Kalenderwoche 15-79). Man sollte alle Kalender verbrennen (und vorher noch das Wort “Kalenderwoche” abschaffen. Es hatte mich schon immer irritiert, wenn Leute dieses abstrakte Wort verwenden, als hätte es irgendeinen Bezug zur menschlichen Lebensrealität) und mehr Raum für Spontanität schaffen!

18
Charlie’s Cave

Es zog mich also an’s Meer. Wie könnte ich auch widerstehen, wo es doch nur 20 Autominuten von meinem Cottage entfernt liegt!

Nachdem ich eine Stunde an der menschenleeren Küste entlangspaziert war, lernte ich Charlie kennen (zumindest habe ich von ihm gelesen, nachdem ich an seiner Höhle vorbeikam). Seine Geschichte hat mich sehr bewegt. Darf ich vorstellen:

Charlie dessertierte während des ersten Weltkriegs von der französischen Navy, als sein Schiff an der schottischen Küste vor Anker lag. Er hatte genug vom Krieg.

Wochenlang lief er die Küste entlang, schlug sich irgendwie durch. Bis er schließlich entschied, dass es an der Zeit wäre, sich niederzulassen. Aus Treibholz baute er ein Hüttchen vor eine winzige Höhle (siehe oben) und begann, Gemüsebeete anzulegen.

Er verbrachte 13 Jahre in dieser Höhle. Mit der Zeit freundete er sich mit den Dorfbewohnern von Cullen an und begann, ihnen sein Gemüse zu verkaufen. Er war – obwohl wohl recht schweigsam – durchaus beliebt und erhielt regen Besuch ebendieser Dorfbewohner, denen er manchmal etwas auf seiner Flöte vorspielte (hoffentlich keine Blockflöte).

Zwei Katzen gesellten sich dauerhaft zu ihm. Man darf sich Charlie als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Ist es nicht inspirierend, was im Leben alles möglich wäre? Es erscheint einem doch undenkbar, sich trotz widriger Bedingungen der Küste aus dem Nichts und ohne einen Pfund in der Tasche eine neue Existenz aufzubauen, noch dazu eine glückliche! Charlie hat den Realitätscheck vorab einfach übersprungen.

Die Geschichte nahm leider eine allzu weltliche Wendung: Die Pächterin der Klippen, an die er sein Hüttchen gebaut hatte, begann sich an seiner Anwesenheit und seinem regen Besuch zu stören (war es der Neid auf seine Beliebtheit? Oder doch einfach nur die Blockflöte?). Sie reichte Klage ein, und unser Held Charlie wurde mit der Begründung verurteilt “failing to register as an alien”. Er musste Strafe zahlen, seine Hütte wurde niedergebrannt und er durfte nie mehr dorthin zurückkehren.

Vier Jahre später verstarb er in England, vermutlich alleine.

19
Portknockie

Die schottische Sonne erklärte heute Morgen bereits um sechs Uhr den Tag für angebrochen. Und nachdem ich gestern meine Liebe zum Meer wiederentdeckt habe, ging es direkt los an die verschlafene Küste.

Vielleicht liegt es daran, dass Montag ist, dieser Küstenabschnitt in keinem Reiseführer Erwähnung findet oder die Schotten schlicht mit der Sonne überfordert sind (ich bin das auch!) – in jedem Fall scheint mir die Gegend heute alleine zu gehören.

An Mangel landschaftlicher Schönheit dürfte es jedenfalls nicht liegen.

Nachdem ich einen kleinen einsamen Strand entdeckt habe, ziehe ich ein kleines Bad in Erwägung (es ist nämlich viel zu heiß. Eigentlich kein Wunder, dass die Schotten heute ganztägig Siesta halten).

Wobei dieses Unterfangen nicht ganz ungefährlich ist, wo doch FKK bei den Schotten (obwohl sonst so ein freiheitliches Volk) durchaus als zweifelhaft und sittengefährdend (oder vielleicht auch einfach nur als etwas skurril-deutsches) angesehen wird. Bikini habe ich keinen dabei. (Über diesen gesellschaftlichen Blick lässt sich im Übrigen streiten, betrachtet man einmal den verwunderlich freizügig-aufreizenden Kleidungsstil des schottischen Nachlebens).

Aber was soll man machen, ich nehme mir ein Beispiel an Charlie, der über solch ein gesellschaftliches Risiko nur geschmunzelt hätte.

20
Keith Country Show

Aufgepasst. Es folgt eine kleine Schafkunde.

Normales Schaf, unbeeindruckt:

Orange-braunes Knödelschaf, neugierig:

Schwarzes Schmuseschaf:

Müdes Lammfell-Bettvorlegerschaf:

Lustiges Knarnevalschaf, Ausführung Orange-Schwarz:

Nachdem mir letzten August ein Job als irische Schafmagd angeboten worden war (“Well, you could do part time or full time”), wurde es nun allerhöchste Zeit, mir Wissen über jene lustige Geschöpfe anzueignen. Heute fand in meinem Dorf eine Landwirtschaftsmesse statt, nein falsch, DIE Landwirtschaftsmesse. Ein Großereignis! Das Dorf stand Kopf. Das beste Vieh wurde gestriegelt und poliert, um es unter Flehen, Bitten und Drohen in die Arena zu zerren. Am Ende ging es um nicht weniger als um die begehrte Championship, bei der die unbeeindruckten Sieger stolzer Besitzer mit bunten Banderolen umwickelt wurden.

Was ich dabei gelernt habe: Schafe gibt es in allen Farben, Formen und Ausführungen, sie schmusen gerne und verlieren dabei doch nie ihren fragenden Blick. Nach dem heutigen Bildungsausflug bin ich überzeugt, die Anforderungen des Jobprofils “Schafmagd” bestens erfüllen zu können.

21
The Wee Hoose

Mein Gastgeber erklärte mir heute beim Auffüllen des Vogelfutters (ich hatte ihn im Namen der Vögel auf die drohende Futterknappheit hingewiesen) den “Scottish Outdoor Access Code”, wonach in Schottland rechtlich nahezu alle Land- und Wasserflächen frei betreten (bzw. beschwommen) werden dürfen.

Welch großartiges Gesetz der Freiheit! Nach der Arbeit begann ich also direkt damit, meine nähere Umgebung zu erkunden und kletterte munter über sämtliche Gatter und Tore.

Bis ich feststellen musste…

…dabei auf die Weide von Jungbullen geraten zu sein. Die Ersten setzten bei meinem Erblicken bereits zu einem neugierigen Galopp an und bewegten mich damit zu einem spontanen Afterwork-Sprint zurück zum Gatter. Seit Irland kenne ich schließlich das ganze Spektrum rindischer Verhaltensweisen und bin auf alles gefasst. Doch weit gefehlt –

Sie wollten eigentlich nur Schmusen. Wenig später landete ich unvermittelt auf einer Schafwiese. Die Herde versetzte sich in helle Aufregung und stob wild blöckend auseinander. Verletzt wurde niemand. Dennoch weiß ich inzwischen nicht mehr, ob ich dieses Gesetz tatsächlich für gut heißen kann. Ganz schön gefährlich, diese Freiheit.

Nachdem ich dann ohne weitere Zwischenfälle nach Hause gekommen war, setzte ich die Planung meines nächsten Highland-Adventure fort. Voraussichtlich geht es am Fr/Sa wieder raus in die Wildnis. Diesmal werde ich besser vorbereitet sein: Sofern man diesem Internet Glauben schenken kann, wird mir jenes zweifelhafte Beauty-Produkt mit dem klingende Namen “Skin so soft” bösartige Midges vom Leib halten (und nebenbei noch für straffe Haut sorgen, auch das ist nicht unwichtig in den Highlands).

Ach ja, “dieses Internet” – seit ich die Nacht in den Highlands verbracht habe, wird mir von Google Werbung für Militärkleidung eingeblendet. Kein Witz. Der Algorithmus schätzt mich jetzt wohl als tough ein (naja gut, das war zumindest noch der Fall, bevor ich dann gestern “Skin so soft” bestellt habe. Nun dürfte der Algorithmus vollends verwirrt sein).

22
Findlater Castle

Heute ging es nach Feierabend erneut an die Küste. Auf der Karte war ein Castle am Meer eingezeichnet, das unbedingt entdeckt werden wollte. Der zweistündige Weg dorthin war beschwerlich, stacheliger Ginster überwucherte den Trampelpfad (ganz offensichtlich nicht geräumt und nicht gestreut) und machte mir ein Durchkommen stellenweise nahezu unmöglich. Es sah ganz danach aus, als habe der Schlossherr seinen Gärtner schon des längeren nicht mehr losgeschickt.

Er wartete: Eine einsame Ruine, stolz auf einem Felsen im Ozean trohnend (zumindest das eine Stockwerk, das davon noch übrig war). Findlater Castle.

Mir eröffnete sich eine Zauberwelt voller magischer Gänge, enger Treppen und verwinkelten Höhlen.

Als ich vor dem Loch stand, das ein Stockwerk tiefer in den Fels führte, war ich mir nicht sicher, ob ich jemals wieder zurück ans Tageslicht gelangen würde. Doch wer könnte widerstehen.

Unten fand sich ein geräumiger Weinkeller (zumindest ich hätte ihn als solchen genutzt), inzwischen leider leer.

Auch die Dachterasse mit ihrer Aussicht auf die unendliche Weite des Meeres war nicht übel und damit kein unangenehmer Ort für mein Abendessen (gut, der Wein fehlte).

Um das Findlater Castle wurde jahrhundertelang erbittert gestritten. Zwei Familien bekamen sich darüber so sehr in die Haare, dass schlussendlich das Oberhaupt des einen Clans unter Beisein der Queen geköpft und das Schloss dem anderen Clan zugesprochen wurde (stark reduzierte Fassung der Geschichte, sie könnte Ungenauigkeiten aufweisen).

Und was tat er damit? Also jener glückliche Clan, der nach langen Jahren zermürbender Kämpfe das begehrte Schloss gewonnen hatte, nachdem der Kopf des Anderen von dannen gerollt war? Er hätte an diesem magischen Ort bis ans Ende aller Tage in trauter Harmonie leben können und zu wilden Partys auf der Dachterasse laden können. Doch mitnichten – er verließ das Schloss alsbald zugunsten eines (in seinen Augen) noch prächtigeren Anwesens und überließ das arme Castle seinem Schicksal. Seitdem ist das einst so stolze Schloss im Verfall begriffen.

Manchmal ist mir die Welt unbegreiflich.

23
Drummuir Castle

Heute blieb nur Zeit für eine kleine Afterwork-Runde, denn: Ein Adventure wartete darauf, vorbereitet zu werden. Sandwiches mussten geschmiert, Ausrüstung gepackt und Karten studiert werden. Die Tour führt mich mitunter auf den Ben Macdui, dem zweithöchsten Berg Schottlands (und damit selbstverständlich ein Munroe, aber das hatte sich der aufmerksame Leser wahrscheinlich längst selbst erschlossen).

Jetzt ist alles soweit fertig. Was mir allerdings etwas Sorgen bereitet – mein Rucksack wirkt diesmal nicht voll wie beim letzten Mal. Hab ich irgendwas überlebenswichtiges vergessen? Doch die Wärmeflasche ist eingepackt, Salz auch, eigentlich kann nichts schief gehen.

Was ich übrigens in der Zwischenzeit gelernt habe: Der Klimawandel macht wohl auch vor Schottland nicht Halt. Die Highlands sind gerade außergewöhnlich trocken – und damit ist der Grund gefunden, weshalb ich letztens statt sprudelnder Quellen nur Gurkenwasser finden konnte. Oh, wenigstens die stolzen Highlands sollten vom Klimawandel doch verschont bleiben…

24
On an adventure

Es geht wieder los! Nach meiner letzten Erfahrung der Wasserknappheit stattete ich mich vorsorglich mit einer weiteren PET-Flasche Tesco’s „Highland Spring“ aus – wo wir doch inzwischen alle wissen, dass jenes Wasser nicht tatsächlich aus den viel zu trockenen Highlands kommen kann, sondern vermutlich aus irgendwelchen illegalen Brunnen fremder Kontinente geschöpft wird (am Ende steckt sogar noch Nestle dahinter!). Aber was soll man machen, besser als Gurkenwasser ist es allemal.

——Und dann findet sich doch Wasser. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich auf die zwei zusätzlichen Kilo auf meinem Rücken gerne verzichten können.

25
On an adventure

Manchmal habe ich Ideen. Und manchmal habe ich verdammt dumme Ideen. Heute bekam ich zweiteres zu spüren. Anstatt der geplanten Route beschloss ich, einen anderen Weg zu Ben Macdhui zu gehen. Weil – schaut nur, wie schön dieses Tal vor einem liegt!

Leider entpuppte sich das Wort „Weg“ als reiner Euphemismus. Keine Spur davon, stattdessen kämpfte ich mich die letzten zwei Stunden durch Steilhänge, rutschendes Geröll, Dornbüsche. Ich verfluchte die roten Höhenlinien meiner Karte (viel zu viele, viel zu eng nebeneinander), meinen Kompass, die höhnische Sonne und nicht zuletzt die Highlands selbst.

Wie sehr hätte ich mich über einen Schuhabdruck gefreut als Zeichen dessen, dass ich zumindest nicht der erste Mensch bin, der dem Zauber jenes Tals erlag und in diese missliche Lage geriet. Doch vermutlich war ich es.

Doch, geschafft. Zwar liegt das eigentliche Ziel, Ben Macdhui, noch vor mir (einige perfide Höhenmeter trennen uns noch voneinander), doch bin ich inzwischen auf einen Trampelpfad gestoßen, und nach einem Cadbury (wenn auch geschmolzen) wirken mir die Highlands wieder wunderschön.

26
On an adventure

Der Weg von meinem Zwischenstopp hoch zu Ben Macdhui war dann doch herausfordernder als \240zunächst angenommen. Der Trampelpfad endete schon bald in einem Geröllfeld, das knappe 700 Höhenmeter hochgeklettert werden wollte. Zwar war es keine gefährliche Route, die Felsbrocken waren ganz gut passierbar, doch gerade mit dem Gewicht auf dem Rücken erwies sich der Balanceakt als reine Zumutung. Jene roten Höhenlinien, so harmlos wirkend auf Wanderkarten gedruckt, ganz hübsch auch, können eine ganz schöne Frechheit sein.

Doch gerade nach dieser Anstrengung war der Moment tief beeindruckend, als dann endlich der höchste Punkt erreicht war, just in diesem Augenblick die Sonne durch die Wolken brach und unter mir die Highlands ruhten. Unbezahlbar.

Durch meine geänderte Route durch das Tal (jene dumme Idee) hatte ich einige Stunden verloren, wodurch ich spät dran war für den Gipfel dieses hohen Berges. Doch dies führte zu dem glücklichen Umstand, den bekannten Berg für mich alleine zu haben. So hoch oben, inmitten der Highlands mit ihren gefühlt ewigen, menschenleeren Weiten, könnte man fast ein wenig ehrfürchtig werden.

Doch allzu lange konnte ich mich nicht aufhalten. Die Sommertage in Schottland sind zwar lang – unendlich sind sie nicht.

Auf dem Abstieg (diesmal auf einem tatsächlichen Weg) gab die Abendstimmung dann alles, um mich für die Strapazen zu entschädigen. Mit Erfolg.

Und dann entdeckte ich diesen See – sofort war klar, damit einen perfekten Schlafplatz gefunden zu haben –

Das Wasser war sogar wärmer als gedacht und war für ein abendliches Bad zu gebrauchen.

Doch leider blieb ich auch hier von den Midges nicht verschont. „Skin so soft“, auf das ich große Hoffnungen gesetzt hatte und stoisch all die Geröllhänge hochgeschleppt hatte, brachte – nichts. Zumindest würde ich es so interpretieren, aber vielleicht bin ich auch einfach zu kritisch:

Blieb also nichts, als die Pasta wieder mal im Zelt einzunehmen. Diesmal übrigens mit Salz und einer extra Proteinquelle in Form von hunderten toten Midges, die ins kochende Wasser geflogen waren (wieso macht man sowas?). Schmeckt gar nicht mal so übel. Fast wie selbstgekocht, von irgendeiner Omi.

Jetzt freu ich mich darauf, in meinem wohligen Schlafsack (das Midges-Nudelwasser wärmt gut) noch ein wenig zu lesen. Denn auch wenn es beim Backpacking um jedes Gramm geht – ohne Buch, Salz und Wärmflasche sollte man nie losziehen.

27
On an adventure

Gegen sieben Uhr beschloss ich, mir genug Mückenstiche für die Nacht geholt zu haben und erklärte die Nacht für beendet. Draußen erwartete mich ein traumhafter Morgen.

Und wenn man schon mal so einen Ort gefunden hat, muss man den Tag natürlich schwimmend beginnen!

Wobei mein „Schwimmen“ eher aus ins Wasser rein- und erschrocken wieder rausspringen bestand, es war dann doch recht frisch.

Inzwischen ist das Zelt abgebaut und ich frühstücke in der Sonne (zerquetschtes Sandwich), die Midges scheinen unterdessen noch zu schlafen.

28
On an adventure

Die heutige Strecke ist eine angenehme Erholung zur gestrigen Anstrengung. Da ich gestern weniger weit gekommen war als geplant, liegen heute zwar nicht wenige Kilometer vor mir, doch geht es konstant leicht bergab.

Ein verlässlicher Trampelpfad (nicht in einem Geröllfeld endend) führte mich 15 Kilometer durch ein Tal (diese können lang sein in den Highlands!) zurück zu jeder Weggabelung, an der gestern meine andere Route abzweigte. Jetzt sind es nur noch geschätzte 9 Kilometer bis zum Auto, das sollte für meine müden Beine noch zu schaffen sein (erst einmal sitze ich allerdings im Schatten einer alten Kiefer und gönn‘ mir eine Pause).

Die Sonne brennt heute im Übrigen mit solch einer Intensität vom Himmel, dass man nicht darauf kommen würde, sich tatsächlich in Schottland zu befinden.

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The Wee Hoose

Wieder zuhause, zurück in der midgesfreien Zone (die gibt es an der Ostküste nicht. Irgendwo östlich der Highlands scheint die Midges-Grenze zu verlaufen). Die Salbe gegen Mückenstiche konnte ich direkt als Bodylotion verwenden, bei 20 Stichen habe ich aufgehört zu zählen.

Nun muss ich nur noch Skorbut abwenden, dann sind die klassischenen Kollateralschäden eines Adventures schon fast wieder behoben.

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Scottish Wildlife Trust, Spey Bay Wildlife Reserve

Um fünf Uhr früh wachte ich hochmotiviert auf – draußen zeichnete sich Wohlfühlwetter ab! Nach den beiden heißen Tagen war mir der kühle Nebel wärmstens willkommen.

Seitdem schlendere ich am Strand entlang, die audio-visuelle Eintönigkeit (weiße Unendlichkeit, die fortwährend von der Gleichmäßigkeit des Meeresrauschens begleitet wird) bilden dabei den perfekten Hintergrund für mein Hörbuch (seit gestern hat mich Schopenhauer gepackt. Der erste mir bekannte Philosoph, der auch Tiere in seine Weltanschauung einbezieht, worüber er mein Herz gewonnen hat).

Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, habe ich mich vorsorglich in meinem Matrosenoutfit auf den Weg gemacht. Wer weiß, was der Tag am Meer so mit sich bringen wird – ich wäre in jedem Fall bereit, direkt bei Käpt‘n Blaubär anzuheuern.

Später tausche ich die Monotonie des Strandes gegen die Gleichförmigkeit grauer Betonquader. Auch sehr schön.

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Lossiemouth Town Cemetery

Seit zwei Stunden überfällig, nun scheint mich das angekündigte Unwetter doch noch einzuholen.

Glücklicherweise habe ich nur noch etwa 90 Minuten bis zum Auto, solange könnte sich der Blitz aus Gründen der Höflichkeit noch gedulden.

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Auchindoun Castle

Ich. Liebe. Ruinen.

Dieses Castle stand Montagfrüh einsam auf einem Hügel und wartete mit der fühlbaren Ausstrahlung von Ungeduld darauf, endlich erkundet zu werden.

Und wer könnte seinem Ruf widerstehen!

Aus rechtlichen Gründen muss in dieser Geschichte leider unerwähnt bleiben, dass das Castle für die Öffentlichkeit gesperrt war, was durch einen hohen Bauzaun und roter Schilder visuell relativ deutlich demonstriert wurde. Als Begründung wurde so etwas wie Baufälligkeit genannt, was durchaus überraschend ist, wo das Castle doch erst 1479 gebaut worden war.

Doch was ich mich fragte: Wenn das Castle wirklich nicht betreten werden wollte, wieso (einmal abgesehen von dem alles umspannenden Bauzaun) hat es dann einladende Fenster im Erdgeschoss seiner Außenmauer?

Damit widersprach die Ruine eindeutig den roten Schildern, wodurch für mich keine klare Handlungsanweisung mehr zu erkennen war.

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FR82+QX Aberlour, Vereinigtes KΓΆnigreich

Heute ist einer jener sanft prasselnden Regentage, welchen eine nachsichtige Gemütlichkeit zu eigen ist. Denn anders als die sonnigen Tage, welche streng zu großen Taten und reger Geschäftigkeit aufrufen, fordern diese Tage – gar nichts. Wie sehr ich sie dafür liebe!

Der allererste Dauerregen seit meiner Ankunft vor über zwei Wochen. Aber Schottland, dafür bin ich doch hier!

34
Bin Hill

Welch wünschenswertes Wetter für’s Homeoffice: Ein ganztägig nicht endend wollender Dauerregen, dessen feine Tropfen mehr in der Luft standen als dass sie fielen, brachte mir einmal mehr die Vorzüge eines Bürojobs ins Bewusstsein.

Nach der Arbeit wagte ich mich dann doch auf einen Sprung vor die Tür und damit mitten hinein in die Wasserwand. Mein Fazit: Nass und kalt.

Lieber folge ich daher dem Aufruf zur Gemütlichkeit und verbrachte den restlichen Abend mit Tee und Buch auf meinem Fensterbrett. Denn nur dafür gibt es ja schließlich den Regen.

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Boyne Castle

Eigentlich war nur eine kleine Abendrunde entlang der Küste vor dem Einkaufen geplant.

Doch dann kam ich an einem Waldstück mit der unverkennbaren Ausstrahlung schottischer Mystik vorbei. Dafür hab ich doch inzwischen einen Riecher!

Ein Trampelpfad führte mich direkt hinein ins Dickicht, an dessen Ende mich ein trauriges (weil in seinem magischen Wald so schrecklich einsames) Castle begrüßte.

Die oberen Stockwerke und Türme waren nur noch zu erahnen, einst muss es riesig gewesen sein!

Und dann: Ein Eingang! Und wer könnte eine derart freundliche Einladung ausschlagen.

Jetzt wurde es aufregend! Nicht nur ein einzelner Raum erwartete mich (ich hatte auf einen Weinkeller getippt, vermutlich enttäuschend leer wie meistens), doch vor mir eröffnete sich ein ganzes Kellersystem!

Das Netz führte einmal quer unter dem Castle durch. An dessen Ende muss sich wohl in früheren Zeiten eine Treppe befunden haben. Jetzt klaffte nur noch ein Loch an der Decke, der Weg nach oben musste selbst erschlossen werden (wieso konnten sie damals keine anständigen Treppen bauen? Ständig werde ich in den Ruinen zum Klettern genötigt, weil schon wieder die Treppe fehlt).

So gelangte ich in den oberen Stock des Castles, wohl vordermals der Wohn- und Partybereich, wobei es mir hier drin doch recht heruntergekommen wirkte. Er hätte die ein oder andere kleinere Renovierungsarbeit gut vertragen können. Der Handwerkermangel scheint wohl auch in Schottland ein Problem zu sein.

Und wieder einmal ließ mich eine Ruine die Zeit vergessen. Meine Abendrunde dauerte damit erheblich länger als geplant – welch Glück, dass Supermärkte hier bis 23 Uhr auf haben!

Im Übrigen ist es ungleich unheimlicher, sich Spätabends einen Weg durch die Regalreihen eines viel zu groß geratenen und nahezu menschenleeren Tescos zu bahnen, als die Kellersysteme ein traurigen, friedlichen Castles zu erkunden.

36
The Wee Hoose

Mein Feierabend besteht aus den Vorbereitungen für das nächste Adventure – mit dabei sind wie immer Zelt, Wärmflasche, Salz und Buch (und noch das ein oder andere Extra). Diesmal geht es allerdings nicht in die Highlands (wo kalter Regen herrschen soll), sondern an die sonnige Küste. Gestartet wird morgen Früh in Aberdeen, von dort geht es dann am Meer entlang immer weiter in den Norden. Das genaue Ziel steht nicht fest, auch nicht, wie ich nach zwei Tagen wieder zurück nach Aberdeen komme.

Das aufregende dabei: Auf GoogleEarth habe ich etwa 30 Kilometer nördlich von Aberdeen eine Ruine direkt am Meer ausgemacht. Allein die Satellitenaufnahmen haben mich gepackt – sie sieht riesig aus! Und wunderschön! Vielleicht wird mein geheimer Traum ja wahr, mal eine Nacht in einer Burg zu verbringen.

Aber es sind ja nicht nur die Ruinen, die mich faszinieren. Die Begeisterung für Charlie (der vor 100 Jahren ebenfalls die Küste immer weiter in den Norden entlanggelaufen war, doch biographische Übereinstimmungen an dieser Stelle sind reiner Zufall) ließ mich nicht mehr los.

Nachdem Charlie damals in seiner Höhle dann zu einiger Beliebtheit gekommen war und regen Besuch aus dem nahen Dorf erhielt, ließ er Fotografien von sich anfertigen, um sie als Postkarten zu verkaufen. Mit diesem Wissen machte ich mich daran, wie besessen das Internet zu durchforsten – und wurde fündig! Eine Originalkarte von 1920! Natürlich kaufte ich sie sofort. Charlie – ein Vorbild für Mut, Freiheit und große Träume.

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Sands of Forvie

Eben den Warnhinweis gelesen, dass man schlafende Robben doch bitte in Ruhe zu lassen habe. Schlafende Robben!! Ich wusste ja noch nicht mal, dass es in Schottland Robben gibt!

Bisher habe ich leider noch keine gesichtet, aber ich werde nichts anderes mehr tun, als meine Augen offenzuhalten.

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Old Slains Castle

Mittagspause in den kläglichen Überresten eines Castles. Mir scheint, als gäbe es hier schon seit Jahrhunderte keine Kellersysteme mehr zu erkunden. Immerhin ist sie als Wind- und Sonnenschutz noch ganz gut zu gebrauchen.

Robben konnte ich im Übrigen noch keine entdecken, von den groß angepriesenen Walen und Delphinen lässt sich auch niemand blicken. Ich sehe es kommen: Am Ende werden die einzigen spannenden Wesen, die mir heute noch in Erscheinung treten, die Geister der nächtlichen Burg sein.

39
On the way

Nicht ganz so spannend wie Wale, Robben oder sonstiges Meergetier – aber immerhin Schafe leisten mir ein Stück lang Gesellschaft.

Unterdessen werden die Beine müde. Statt nach Delphinen sollte ich eigentlich eher nach Ponys Ausschau halten.

40
New Slains Castle

Schließlich entdeckte ich doch noch eine schlafende Robbe. Sie befand sich allerdings leider schon im ewigen Schlaf (Fotos erspare ich an dieser Stelle) – aber zumindest hab ich den Beweis, dass es sie tatsächlich gibt. Da dürften die Haie auch nicht weit sein (oder waren es die Eisbären?).

Im letzten Dorf vor meinem Castle deckte ich mich im inhabergeführten und schrecklich überteuerten Supermarkt mit Wasser für den Abend ein. 6 Pfund für 3 Liter banales Leitungswasser (auch wenn wieder sowas wie „Highland Spring“ auf dem Etikett stand)! Ich war nahe dran, vom Kauf abzusehen und stattdessen Salzwasser zu trinken.

Durch einen kleinen Zauberwald führte der Weg schließlich zu meinem Castle. Und was für ein Castle!

Dies ist die größte und best erhaltenste Ruine, die ich bisher entdeckt habe. Sogar halbwegs intakte Wendeltreppen in den Keller und in manche Türme sind noch vorhanden!

Zuallererst inspizierte ich den Keller. An sich recht dunkel und unspektakulär, aus gerade mal einem Zimmer bestehend ohne weitere Verzweigungen. Viel interessanter fand ich hingegen den fünfstöckigen Turm mit imposanter Aussicht.

Aber am meisten faszinieren mich dann doch immer wieder diese geheimnisvollen, dunklen Kammern.

Das Schloss hat so unendlich viele Räume, dass mir selbst nach einer Stunde Erkundungstour noch völlig der Überblick fehlt.

Ich habe keine Ahnung, in welchem der Zimmer ich später schlafen soll.

Am gemütlichsten scheint mir bisher der Anbau im hinteren Bereich. Auch wenn er weniger pompös und nicht mehr so gut erhalten ist als das Hauptgebäude, fühlt er sich schön abgelegen-geschützt an (doch ich schätze, die Geister kommen überall hin).

Aber vor der Entscheidung über meinen Schlafplatz nutze ich die letzte Abendsonne und werde mir erst mal etwas kochen (also, „kochen“).

Und da ehrlicherweise niemand mehr die Pasta von Tesco‘s Oma sehen kann, gibt es heute mal \240zur Abwechslung Mexikanisch von Ben.

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New Slains Castle

Das Zelt steht, ich hatte mich dann für den hinteren Teil des Schlosses entschieden. Nachdem ich daraufhin weitere zwei Stunden durch das Castle gelaufen war, um die ehemaligen Räume und den Grundriss zu verstehen, musste ich erkennen, dass ich nun wohl in den Stallungen gelandet bin.

Das Erdgeschoss war für das einfache Volk vorgesehen, hier wurde gekocht und gearbeitet, die Decken waren niedrig und die Fenster klein. Der erste Stock hingegen protzte mit Panoramafenstern, gemütlichen Kaminen und Säulenbogen.

Bei dieser Aussicht hätte ich mich damals wohl auch mit den keinen Fenstern des Erdgeschosses zufrieden gegeben (auch wenn das bedeutet hätte, für das obere Volk kochen zu müssen. Aber dafür gibt’s ja Fertigreis von Ben).

Die Faszination, die Ruinen auf mich ausüben, wird am Meer durch den melancholischen Kontrast noch mal erhöht: Auf der einen Seite die Vergänglichkeit – in den Räumen und Gängen ist noch die leise Aura gelebter Träume, Hoffnungen, Leidenschaften und Tragödien zu spüren –, auf der anderen Seite die Unendlichkeit des Meeres mit dem über Jahrtausende gleichbleibenden Rauschen der Wellen.

Nachdem ich mich im Schloss nach langer Auskunftschaftung heimisch fühle und es langsam kühler wird, wird es Zeit für den Schlafsack – natürlich niemals ohne Wärmflasche.

Gute Nacht!

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New Slains Castle

Nach einer ruhigen Nacht kündigt ein Blick aus dem Fenster einen ungemütlich stürmischen Tag an.

Was ich glücklicherweise während des Schlafens noch nicht wusste: Der Autor Bram Stoker war wohl 1895 hier im Castle zu Gast und nutzte es als Inspiration für das Anwesen in seinem 1897 erschienenen Roman Dracula. Also jenes Anwesen, auf dem Dracula haust, auf das der Rechtsanwalt Harker zu Besuch kommt und es daraufhin nicht mehr verlassen darf (eine Flucht gestaltet sich schwierig wegen der Wölfe, die die Burg bewachen).

1925 wurde, um Steuern zu sparen, das gesamte Dach des Castles entfernt. Anscheinend wurde Grundsteuer nur auf überdachte Fläche erhoben.

2007 wollte ein Investor das Castle in ein Hotel mit 35 Appartements umbauen, was tatsächlich auch genehmigt wurde. So ein Unfug! Welch grässliche Idee, die Aura eines solchen Ortes für ein plattes, kapitalistisches Urlaubsparadies zu zerstören! Manchen Menschen fehlt einfach jegliches Gefühl. Die Finanzkrise stoppte 2009 glücklicherweise das Vorhaben. Den Lehman Brothers sei Dank.

43
4 Harbour St, Boddam, Peterhead AB42 3NU, Vereinigtes KΓΆnigreich

Zwischenstopp in einem kleinen Küstenort. Den herbeigesehnten Kaffee konnte es mir leider nicht bieten, aber immerhin Highland Spring zu akzeptablen Preisen.

Eine Weile saß ich vor dem Gemischtwarenladen (in dem es so ziemlich alles gab außer Kaffee, daher verbesserungsfähig in seinem Gemisch) und beobachtete das rege Dorfleben.

So ein sympathisches Dorf! Jeder plauderte mit jedem, selbst ich als Fremde wurde aktiv ins Geschehen einbezogen. Es wurde die Frage erörtert, ob jener Hund, der unweit des Ladens angeleint auf seinen Besitzer wartete, wohl ein freundliches Wesen sei. Gefährlich sah er durchaus aus. Niemand wusste genaueres, da der Hund erst kürzlich zugezogen war.

Schlussendlich nahm ein Dorfbewohner all seinen Mut zusammen, um es kurzerhand herauszufinden. Und statt ihn zu fressen, freute sich der Rottweiler sehr über die Streicheleinheiten und die Integration ins Dorf, endlich!

Da meine Beine so schrecklich müde sind und ich ihnen immer noch kein Koffein zuführen konnte, beschloss ich, die Küste noch bis Petershead zu laufen um mich von dort um öffentliche Verkehrsmittel zurück zum Auto zu bemühen. Falls es in Schottland überhaupt ÖPV gibt. Zur Not muss ein Pony herhalten, nur laufen werde ich die 30 Kilometer heute nicht mehr zurück.

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9 Marischal St, Peterhead AB42 1BS, Vereinigtes KΓΆnigreich

Nachdem ich Petershead erreichte, ein Städtchen mit immerhin einer Fussgängerzone – freute ich mich auf guten Kaffee. Schon sah ich ihn vor mir, frisch gebrüht von einem talentierten Barista, im Schaum ein kunstvoller Schwan erkennbar.

Und dann das.

Ich werte das als Zeichen, diesen Ort alsbald wieder zu verlassen. Die beschaulichen Küstendörfer von vorhin waren mir wesentlich lieber als dieser Ort, der zwar die Anonymität einer Stadt ausstrahlte, aber nicht deren Stil.

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On the bus

Mein Glück bescherte mir eine Direktverbindung von Petershead zu dem Dorf, in dem ich mein Auto geparkt hatte.

Für die Strecke, an der ich mich zwei Tage abgemüht hatte (wenngleich es sehr schön war an der Küste), benötigt der Bus nur etwas über eine Stunde. Fühlt sich irgendwie effizienter an.

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Newburgh Seal Beach

Ich liebe diese zufälligen und doch irgendwie bedeutsamen Begegnungen auf Reisen. Und ganz besonders, wenn der zufällige Fremde dann auch noch Gedanken lesen kann!

Zurück in Newburgh war ich gerade aus dem Bus ausgestiegen und lief in Richtung meines Autos, als mir ein etwa 70-jähriger Mann entgegen kam. Er blieb stehen, um mich zu fragen, ob ich denn schon die Robben gesehen habe. Die Robben!! Na endlich.

Hatte ich natürlich nicht, wie bekannt sein dürfte. Daraufhin begab ich mich mit ihm auf einen zweistündigen Spaziergang zu dem Ort, an dem sie gerade schliefen. Den wenig wachen konnte man beim Fischfang und beim Spielen zusehen.

Er war ein unglaublich netter Mensch. Einer dieser Menschen, die sich die Arbeit machen, eine achtlos weggeworfene PET-Flasche von den Dünen aufzusammeln um sie in den nächsten Mülleimer zu werfen. Auf diesem Spaziergang erzählte er mir von seinen philosophischen Gedanken zu Natur und Weltgeschehen und von seinen Ideen zu sauberer Energie. Hier wurde es wissenschaftlich: Der Geo-Forscher malte mir chemischen Formeln in den Sand, um mir seine Gedankengängen im Detail darzulegen. Auch wenn ich nicht jede chemische Reaktion validieren konnte, waren es sehr schöne zwei Stunden. Es macht immer wieder glücklich, Idealisten zu treffen.

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Inverey Car Park

Heute Früh wachte ich um drei Uhr voller Aufregung auf. Der Ruf der Highlands! Der Wecker befand sich zwar noch im tiefen Schlaf, doch die Vorfreude auf die 10 Stunden-Tour, die ich für heute geplant hatte, ließ mich nicht mehr einschlafen. Es gab nur ein Problem: Ich hatte gestern vergessen, Wasser zu kaufen und all meine PET-Flaschen waren bereits entsorgt. Die ersten Supermärkte bequemen sich Sonntags erst um sieben zum Öffnen, weit zu spät! Was also tun? Ich grübelte eine Weile im Bett verharrend, bis mir die Idee kam – na klar, die Milchflasche!

Ich bin nun also mit einer überdimensionierten Milch-Plastikflasche in den erhabenen Highlands unterwegs und habe das Gefühl, in der Natur nicht unbedingt an Stil zu gewinnen. Vielleicht ist der kritische Blick der Gesellschaft, an dem ich mich so oft und gerne störe, als Korrektiv für das eigene Verhalten eigentlich gar nicht so schlecht.

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CΓ rn Bhac

Mit dem Wetter habe ich soweit Glück – von Regen blieb ich bisher verschont. Sogar die unangekündigte Sonne bricht ab und an durch.

Wie mich dieses Gefühl immer wieder packt, alleine auf einem Berg zu stehen, inmitten des 360 Grad-Panoramas der Highlands zu allen Seiten.

Ein kleiner Wetterumschwung kündigt sich an. Dunkle Wolken direkt oberhalb meines ersten Berges – ich werde mir den Kopf anstoßen.

Die letzten Meter zum Gipfel: Gut ausgebauter Weg, läuft sich sehr angenehm. Auch für Familien mit Kinderwagen geeignet, festes Schuhwerk dabei nicht erforderlich. (Vielen Dank dafür, du Geröllhaufen von Berg!):

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Beinn Iutharn MhΓ²r

Der zweite Gipfel war eine Herausforderung. Erneut gab es keinen Weg, zusätzlich ging es die letzten 300 Höhenmeter (zumindest gefühlt) senkrecht nach oben.

Dazu setzte starker Sturm ein. Mir blieb nichts anderes übrig, als eidechsenartig und auf allen vieren die Wand hochzuklettern, dabei möglichst nah an den Felsen gepresst, um dem Wind keine weitere Angriffsmöglichkeit zu bieten.

Einen Preis für guten Stil hätte ich so sicherlich nicht gewonnen, aber diesen hatte ich durch meine Plastik-Milchkanne sowieso schon verwirkt.

Und dann: Oben angekommen, darüber sehr glücklich. Auch hier nicht windstill.

So sieht schließlich der Gipfel aus, den ich mir so hart erarbeitet habe –

Nun gut. Aber immerhin die Aussicht war doch sehr sehenswert!

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Tesco Keith

Oh, ich liebe die Schotten. Gerade stand ich eine Weile unentschlossen vor dem Kühlregal (Milchshake Vanilla-Fudge oder Schoko, wer könnte sich entscheiden!?), als mich ein älterer Herr fragte, was mir denn Grund zu diesem ernsten Blick gäbe? Ich erklärt ihm die immense Herausforderung vor der ich stand. Dies führte zu einer lebhaften Diskussion über Lebensentscheidungen.

Er hatte vor 60 Jahren die Entscheidung zur Ehe getroffen (offenkundig eine ähnlich große Frage als die meine), und seither schreibe ihm seine Frau wöchentlich Einkaufszettel, die er abzuarbeiten habe. Wir wägten das für und wider der Ehe ab, und schlussendlich gab er mir mit auf den Weg, unbedingt unverheiratet zu bleiben und die große Freiheit des Lebens zu genießen.

Es wurde dann Vanilla-Fudge.

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Burghead

Mittagessen an der Küste. Aus Irland blieben mir (und meinen Hautpigmenten, aber das ist eine andere Geschichte) Karotten mit Humus als das Hauptmahl meiner Reise in Erinnerung, diesmal werden es zerquetschte, durchweichte Sandwiches sein.

So langsam heißt es Abschied nehmen. Heute Morgen habe ich spontan beschlossen, die letzten zwei Tage in Edinburgh zu verbringen, was bedeutet, dass ich nur noch bis Donnerstagfrüh in meinem Cottage sein werde.

Wie sehr werde ich die Highlands, die Küste, die Schotten und noch mehr meine Ruinen vermissen!

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Balvenie Castle

Auf meiner Afterwork-Runde stolperte ich wieder einmal über ein Castle (was kein größeres Wunder ist, sie wurden in Schottland schließlich an jeder Ecke errichtet).

Auch diese Ruine war für baufällig erklärt und abgesperrt worden – und diesmal meinten sie es ernst. Nachdem der Zaun überwunden war (der noch keine wirkliche Hürde darstellte), musste ich feststellen, dass ausnahmslos alle Fenster und Tore vergittert waren und mich schließlich den (doch wohl etwas übertriebenen) Sicherheitsvorkehrungen beugen.

Diesmal gab ich mich also mit der Außenansicht auf das Castle zufrieden. Gänzlich ungelegen kam dies jedoch nicht, wo ich müde war und mich auf ein frühes Bett freute.

Mit meiner heutigen Müdigkeit schien ich jedenfalls in bester Gesellschaft zu sein.

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Findlater Castle

Jetzt ist er also da, der letzte Tag. Ich hatte ihn schon lange befürchtet und doch kam er zu bald. Ich nutze den Feierabend, um mich von meinen beiden Lieblingsorten zu verabschieden.

Zuallererst besuchte ich Charlie‘s Höhle, das Foto oben zeigt seine Bucht. Ich kann gut verstehen, weshalb Charlie von all den Orten der Welt genau diesen gewählt hat. Von hier aus fühlt sich die Welt unwirklich friedlich an. Oh Charlie. Sollte mich jemals der unbedingte Drang ereilen, einen Roman schreiben zu müssen, wirst du nicht umhinkommen eine tragende Rolle zu spielen!

Dann weiter zum zweiten Lieblingsort, dem Findlater Castle. Der denkbar schönste Ort für ein Abendessen auf der Dachterasse über dem Meer (der Tradition gemäß gab es zerquetschtes Sandwich, was denn auch sonst). Jedes Sternerestaurant könnte einpacken dagegen!

Jetzt sitze ich immer noch hier, es wird wieder einmal spät, doch ist es zu schön als dass man an den Rückweg denken möchte. Schon ist die Sonne hinter den Klippen verschwunden, es ist kühl geworden. Ich wünschte, ich hätte Zelt und Wärmflasche mitgebracht.

(Und dann zum Abschluss: Kitsch, der reinste Kitsch! Verzeiht.)

Goodbye, geliebte Küste! \240

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The Wee Hoose

Goodbye, Wee Hoose!

Nächster Stop (und das schreibe ich nicht ganz unaufgeregt): Edinburgh, meine alte Heimat!

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SΓΆderberg The Meadows

Nach einer langweiligen Autofahrt (was die Charakteristik einer jeden Autofahrt ist) erreiche ich nach 3,5 Stunden endlich die Stadt. Und obwohl es nun acht Jahre her ist, seit ich Edinburgh verlassen habe, fühlt es sich an wie damals. Heimat.

Vor ziemlich genau elf Jahren (es war der 5. September 2011, etwa 14:20 Uhr, ich weiß es noch genau) betrat ich zum ersten Mal in Schottland ein Café, nachdem ich am Vorabend gelandet war (und die Nacht in einem schrecklichsten Hostel zugebracht hatte, 6-Bett-Zimmer und mit Haaren aller Nationen im Abfluss): Das Café „Peter‘s Yard“, das sich auf der Stelle einen ewigen Platz in meinem Herzen sichern konnte. Gelegen in Quartermile, direkt an den Meadows (mein späterer Lieblingspark, an dem ich ein Jahr später das Glück hatte wohnen zu dürfen).

Natürlich war Peter‘s Yard auch heute meine erste Anlaufstelle. Inzwischen wurde es zwar umbenannt zu „Soderberg“, doch für mich wird es für immer Peter‘s Yard bleiben. Man sollte nicht jedem Trend Folge leisten. Der Kaffee jedenfalls schmeckt noch wie von Peter.

Und obwohl so viel Zeit vergangen ist, riecht auch alles noch exakt wie damals. Die Stadt ist überzogen mit einem Hauch von süßlichem Malzduft, die Toiletten strömen diesen eigentürmlichen Geruch von Chlor aus, wie ich ihn so nur aus Edinburgh kenne, und Peter‘s Yard duftet nach Kardomon, wohlige Gemütlichkeit versprechend.

Wie sehr liebte ich das Viertel Quartermile mit seinem spannenden Kontrast aus alten, typisch-schottischen Gebäude und modernen Glasbauten. Der ganz große und lang gehegte Traum war es, dort eines Tages ein Apartment zu kaufen, natürlich mit Dachterasse und Blick über die Meadows. Ach, jugendliche Träume! Habe ich doch längst erkannt (also eigentlich war das erst gestern, im Findlater Castle – bis zu dieser Einsicht hat es also dann doch noch ein paar Jahre gedauert), dass man die wirklich atemberaubenden Dachterassen nicht kaufen kann.

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Residence Inn by Marriott Edinburgh

Eingecheckt. Ich muss gestehen, dass ich mich zu ungewöhnlicher Dekadenz hinreißen ließ (was eigentlich tatsächlich nicht meine Art ist) – der alten Träume wegen. Zwar habe ich mich ja vor vielen Jahren schon von der Vorstellung verabschiedet, irgendwann einmal in Quartermile zu leben (und mir damit einen schweren Kredit erspart), dennoch fand’ ich den Gedanken einfach zu reizvoll, dem früheren Traum zwei Nächte lang nahe zu kommen.

Ich habe mir nun also ein Zimmer des Hotels im Quartermile gegönnt. 6. Stock, Küche, Bad, Ausblick bis zu Arthur‘s Seat, Edinburgh‘s Hausberg.

Hübsch ist es hier. Dennoch beschleicht mich das Gefühl, dass es die kommenden zwei Nächte bezüglich ihrer Einzigartigkeit nicht mit der Übernachtung in Dracula‘s Ruine aufnehmen können werden. Jene war im Übrigen gratis.

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Ehemalige WG

Den Nachmittag verbrachte ich mit einer kleinen Nostalgie-Tour. Erster Stop war meine ehemalige WG, direkt neben Quartermile gelegen (ich kam meinem Traum also eigentlich schon recht nahe damals). Von außen wirkt alles unverändert, nur das Türschloss wurde inzwischen repariert (dessen Defekt zu dem Diebstahl meines Fahrrades führte, welches ich mir in einer wilden Verfolgungsjagd im Polizeiauto zurückerobern musste. Mein Fahrrad lass‘ ich mir ungerne klauen).

Charmant war die Wohnung durchaus, Dielenboden, Stuck an der Decke, eine Feuerstelle in jedem Schlafzimmer. Einziges Manko war, dass sie weder Heizung noch Isolation hatte. Doch nach zwei durchgestandenen harten Wintern habe ich nun das Glück, mich selbst im tiefsten Winter ohne Heizung wohlfühlen zu können (damals waren 14 Grad Raumtemperatur die Norm für mich) und bleibe von den steigenden Gaspreisen durchweg unbeeindruckt.

Nächster Stop: Mein ehemaliges Atelier (wenn man es als solches bezeichnen darf. Wir hatten uns die ehemalige Kantine eines leerstehenden Verwaltungsgebäudes inklusive anliegender Großküche gemietet. Die Räumlichkeiten waren schrecklich, doch für den Bau unserer Kunstinstallation unerlässlich). Das Foto oben zeigt rechts den Eingang des Gebäudes, dahinter die Burg – der direkte Blick auf diese war das einzig ästhetisch aushaltbare in jenem Bunker.

Zu meiner Überraschung finde ich die meisten Läden, Restaurants und Pubs unverändert vor. Selbst Ali‘s Cave hat bis heute durchgestanden. Dieser Laden war uns von enormer Wichtigkeit für den Bau der Installation. Da das Budget klein, die Kompetenz gering, unser Ideenreichtum jedoch grenzenlos waren, erstanden wir hier 35 Besenstiele im Sonderangebot, welche das ungewöhnliche Grundgerüst unserer damaligen interaktiven Lichtistallation bildeten (hat nie jemand bemerkt).

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Residence Inn by Marriott Edinburgh

Man hüte sich vor seinen Träumen. Diese törichten Irrlichter! Oder, wie die Medienkünstlerin Jenny Holzer es einmal in ihrer Lichtinstallation gezeigt hat – „Protect me from what I want“.

Nachdem mich vier Stunden Stadt mit all ihren Eindrücken stärker ermüdetet hatten als die Erklimmung vierer Munroes mitsamt 16 kg Gepäck auf dem Rücken, legte ich eine kurze Rast in meinem Zimmer ein (sehr gemütlich, das Bett) und beobachtete die Nachbarschaft. Was ich damals, als ich mir das Leben im Quartermile so lebhaft ausmalte, nie bedacht hatte: So begehrenswert eine weite Aussicht auch sein möge, so hat sie doch einen entscheidenden Nachteil. Man kann sich nicht aussuchen, was sie einem präsentiert. In meinem Fall ist das ein Bürogebäude gefüllt mit fahlen Gesichtern, welche mit bleiernen Armen die Tastatur ihres Computers behacken. Muss einer von ihnen mal etwas vom Drucker holen, geschieht dies in schleppender Langsamkeit, gequälte Monotonie im ganzen Stockwerk. Bei der blosen Betrachtung verliere ich an Energie.

Zeit wird es daher, mich diesem Anblick schleunigst wieder zu entziehen. Ich stürze mich also zurück ins Stadtleben und hoffe auf einen stickigen Pub mit Livemusik und Cider. Cheers.

59
Biddy Mulligans

In Deutschland werden fremde kulturelle Auswüchse fraglichen Charakters in der Regel mit großer Bereitschaft übernommen. Der Valentinstag, der Männern unter dem Vorwand der Romantik Geld aus der Tasche zieht, Halloween als gelegener Vorwand zum Exzess und blinkende Neon-Weihnachtsmänner, die sämtliche Kies-Vorgärten deutscher Vororte schmücken, seien da nur einige Beispiele.

Die einzige Kultur, die es tatsächlich zu importieren lohne, findet hingegen kaum Beachtung: Die schottische Pubkultur als Mittel für Toleranz, Frieden und Völkerverständigung. Ich kenne keinen Ort, der zuverlässiger für grenzenlose Freundschaft und tiefe Verbundenheit Aller innerhalb nur weniger Stunden zu sorgen vermag als ein Pub, in dem ein Gitarrist mit tief-rauer Stimme Klänge großer Sehnsucht anstimmt.

60
Summerhall

Edinburgh war schon immer ein magischer Ort, und es hat nichts davon eingebüßt. Als ich dann vor ein paar Tagen die spontane Entscheidung getroffen hatte, nach Edinburgh zu kommen, schrieb ich meinem damaligen Professor Euan (mein wichtigster Mentor für die interaktive Kunst, ein glühender Idealist), ob er wohl Zeit für einen Kaffee hätte.

Hatte er. Und das Treffen wurde magisch. Nicht nur lud er mich ein, an seiner Universität eine Gastvorlesung über interaktive Kunst zu halten (eine äußerst willkommene Gelegenheit, bald wieder nach Schottland zu reisen!), wir gerieten zwei Stunden lang in eine unerwartet tiefe Diskussion über Kunst, Projektideen und Philosophie. Am Ende bat er mich, ernstlich darüber nachzudenken, bei ihm einen PhD in Teilzeit zu machen (was 2 Tage/Woche bedeuten würde, auch von München aus möglich und damit nicht einmal völlig unrealistisch), um an der Schnittstelle Kunst-Philosophie zu forschen/an meinen Installationen zu arbeiten. Er könnte eventuell sogar ein Stipendium dafür auftreiben. Ich hab keine Ahnung wohin das führen wird (bzw. ob), bin aber so aufgeregt, ich könnte einen Drink gebrauchen. Welch unerwartete Möglichkeiten das Leben doch bereithält!

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National Museum of Scotland, Edinburgh EH1 1JF, Vereinigtes KΓΆnigreich

Wie es der Zufall so will, stieß ich im National Museum of Scotland (ein weiterer Lieblingsort von damals) auf eine Sonderausstellung über Schreibmaschinen. Die Remington Portable meiner Installation war leider nicht darunter, doch lernte ich etwas, was mir diese Erfindung noch so viel sympathischer macht (und mir bisher unbekannt war):

Im 19. Jahrhundert ermöglichte ihr Aufkommen einer großen Anzahl von Frauen ein sicheres Einkommen und damit die so wichtige finanzielle Unabhängigkeit.

Dein Wort in Gottes Ohr, AC Thomson.

62
Residence Inn by Marriott Edinburgh

Es hilft ja nichts, mein Herz schlägt nun einmal für ein Land mit fraglichen Essgewohnheiten (ich traue mich angesichts des Tellers vor mir nicht, von „Esskultur“ zu sprechen. Diese Baked Beans anstatt etwa Pain au chocolate können sich doch nur aus großer Not heraus und rein zufällig zum landestypischen Frühstück entwickelt haben. Auch die Fish&Chips im gestrigen Pub ließen mich nicht unmittelbar an Michelin denken).

In meinem nächsten Leben werde ich mich in ein delikateres Land verlieben, Frankreich etwa oder Italien. Doch bis dahin genieße ich meine Baked Beans, nur auf den Black Pudding verzichte ich heute.

63
Airport (Stop E)

Der letzte Bissen Cadbury, bevor es zurück in das quadratisch-praktische Land geht (der Effizienzstreben dieser Nation macht selbst vor ihrer Schokolade nicht Halt). Hauptsache gut.

Ich fliege zurück mit einem Koffer voller Inspiration, Ideen und völlig unerwarteter Möglichkeiten (ich musste tatsächlich eigens ein zweites Gepäckstück dazubuchen, mein Hab und Gut scheint in Schottland um ein paar Kilo angewachsen zu sein) und kann es kaum erwarten, mich an die Verwirklichung zu machen! So aufregend! Oh Schottland, es war eine großartige Reise!!

64
Airport Traffic Control Tower

Während das gesamte Flugzeug bis auf den allerletzten Platz besetzt ist (ausnahmslos, ich habe das überprüft!), erhielt ich eine ganze Reihe für mich allein.

Entweder war bekannt geworden, dass ich in den Highlands auf Grund von Wassermangel das ein oder andere Mal auf das tägliche Bad verzichten musste, oder es ist als Zeichen zu werten, dass meine Reise bis zur allerletzten Minute unter einem guten Stern stand. Ach, geliebtes Schottland. Ich vermisse dich schon jetzt.

Mit diesem letzten Post verabschiede ich mich in den Flugzeugmodus.